Am Freitag, 29.05.2026 wurde in der Aula des Angela-Merici-Gymnasiums das vom Grundkurs 12 ´Darstellendes Spiel´ (Leitung Martin Flesch) selbst geschriebene und eingespielte Stück „Happy Hour“ uraufgeführt. Das erst im zweiten Jahr an der Schule unterrichtete Fach zeigte dabei, was in ihm steckt – maßgeblich aufgrund der 17 Darstellerinnen, die bereits im Verlauf der Entwicklung erster Ideen und den Proben, spätestens aber bei der Aufführung über sich hinauswuchsen. Vor einem zunächst erwartungsvoll entspannten, dann recht schnell gebannten, schließlich in Jubel-entbrannten Publikum spielte sich der Kurs in Höchstform und zeigte Szenen zu gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Themenfeldern.
Ein Zuschauer schrieb dazu:
Wo sind sie geblieben…?
Man merkt es zu Beginn nicht: es ging doch schon los, bevor die Aufführung anfängt: DS-Schülerinnen gehen durch die Aula, den Zuschauerraum, über die Bühne – gut gelaunt, selbstsicher, vielleicht etwas aufgeregt wegen der bevorstehenden Aufführung, jede mit einer Neutralmaske in der Hand, luftzufächelnd, spontane Bemerkungen miteinander…
Eigentlich ein ´No-Go´, sich kurz vor der Aufführung so im Publikum zu zeigen, schon gar nicht mit einem (später spielentscheidendem) Requisit. Und welches Können, sich so „natürlich“, obwohl schon in einer Rolle vor Publikum, zu präsentieren.
Aber hier wird das stringent durchgehaltene Inszenierungskonzept schon angebahnt: Ist das noch Wirklichkeit – oder schon Spiel?
Und wer ist dabei involviert: die Darstellerinnen und/oder auch das Publikum?
In den folgenden sich entwickelnden Szenen dieser Collage gibt es klare gesellschaftskritisch gezeigte Problemfelder. Die sind auf den ersten Blick vor allem den schon etwas älteren Zuschauern -auch auf den Bühnen- seit längerem bekannt: Handyeinfluss, Gaffer; Cat-Calling, männerdominierte Chefetagen, ergebnislose politische Kompromisse, Zensur, Ausbeutung, Konsumverhalten…
Kennt man alles schon? Möglich.
Nicht mehr aktuell? Leider doch!
Und zwar in den Körpern, Gedanken und Gefühlen der Darstellerinnen!
Die Zuschauer erhalten Einblicke in das, was junge Menschen, hier besonders auch Frauen, immer noch bewegt und antreibt, es mutig und kritisch auf Bühne zu stellen.
Da mögen Zwischentöne fehlen, aber sollte es die bei den präsentierten Themen überhaupt geben? „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, was ja in der Kompromiss-Szene als Scheitern gezeigt wird, wenn trotz anfänglicher Übereinstimmung sich zunehmend zwei unversöhnlich gegenüberstehende radikale Lager herausbilden.
Und immer wieder wird durch das Verlassen des neutral schwarz eingefassten Bühnenraums in Richtung Publikum, bis hinauf zur Galerie (auf der man aber auch nicht vor den Bedrohungen sicher sein kann), signalisiert:
die Probleme sind mitten unter uns, sprechen mich direkt an, sitzen neben mir, gehen im hektischen Scrollen, Chatten, Wischen, Sich-Verlieren auf dem Handy völlig auf, fixieren mich mit Blicken.
Erheben dann auch ihre Stimme, als urplötzlich entstehende Chöre mitten unter uns verteilt, mit ihren (unseren?) Frauen diskriminierenden Vorurteilen, lassen die Zuschauenden als Teil des Stückes erscheinen. So auch, wenn in der Gegenüberstellung eines Fast-Fashion-Ladens mit einer ausbeuterischen Nähfabrik nicht nur Kleidungsstücke einfach aussortiert und weggeworfen werden, sondern Gleiches menschen- und arbeitsverachtend mit den Näherinnen geschieht, die zur Not auch aus dem Publikum genommen und ersetzt werden.
Übergriffiges Cat-Calling wird nicht nur szenisch karikiert, sondern biographisch ergänzt, wenn eine der Darstellerinnen plötzlich dem Publikum authentisch über diese ihr und ihren Mitspielerinnen ständig real passierende „Anmache“ in Trier erzählt.
Verschärft werden diese Probleme konsequent von Beginn an durch bedrohlich wirkende Maskenträger, die im Laufe des Stückes zunehmend alle anderen in ihren Bann nehmen und sie in Ihresgleichen transformieren.
Zeigen sich dabei anfangs noch Gaffer, die das auf dem Handy festhalten, werden sie doch zunehmend selbst Opfer und ihre Sensationsgier wandelt sich in Furcht.
Wer da noch versucht, seine eigene Meinung zu äußern, der wird unterbrochen, dem wird das Wort verboten, der Mund sogar zugeklebt und ins Publikum geschickt.
Zukunftsperspektiven für junge Menschen in dieser Welt bleiben einer nebulös, fernöstlich-esoterisch angehauchten Wahrsagerin vorbehalten und sind grelle, typenhaft reduzierte Vorschläge – keine wirklichen Alternativen.
Es bleiben -wie in jedem gelungenen Theaterstück- Fragen offen:
Wo sind die lebenslustigen, höchst phantasievoll und witzig individuell das Requisit ´Maske´ in seiner Multifunktionalität bespielenden, jungen Darstellerinnen der Anfangsszene geblieben?
Wer/Was steckt konkret hinter diesen anonymen, alle vereinnahmenden Masken?
Wie kann man sich von ihnen befreien?
Die ´Happy (?) – Hour´ am Ende kann es -mit einem Amazon-Paket und eher altbackenen Party-Accessoires- eigentlich von ihr heraus, auch mit Sekt, nicht gewesen sein; hier nimmt man die wiedergewonnene Natürlichkeit und Fröhlichkeit den jungen Frauen nicht wirklich ab, vielleicht auch, weil sie als letzte Szene recht unvermittelt als ´deus ex macchina´ das Stück beendet.
Bleibt also doch nur das als negativ Gesehene, Kritisierte und vielfältig Dargestellte übrig?
Ist das der o.a. Einblick in die Perspektive der „Jugend von heute“?
Oder gibt gerade dieses kritische Engagement und die sicht- und spürbare, stets präsente Spielfreude und das Spielvermögen, ihr Anliegen zu präsentieren, seitens der Darstellerinnen Grund zur Hoffnung für die Zukunft?
Zur Beantwortung stehen die rhetorische Frage des Schulleiters und seine Antwort: „Braucht es dieses Schulfach ´Darstellendes Spiel´?“ sowie der Applaus und die Standing-Ovations des Publikums:
„Ja!“
Ja – für die Spielenden!
Ja – für die Schauenden!
Ein herzliches Dankeschön gilt allen, die zur gelungenen Umsetzung des Stücks beigetragen haben: die allzeit bereiten Techniker Aaron und Emil am Mischpult, die Kolleginnen und Kollegen Fischer, Dr. Hansjosten und Narin hinter den Kameras oder auch der Verfasser der Zuschauerrezension, Helmut Steimer. Besonderer Dank aber gebührt den neugierig erschienenen Zuschauenden und natürlich den 17 Darstellerinnen. Denn erst durch das Zusammenspiel dieser beiden entsteht Theaterkunst – und die gab es im gemeinsamen Raum der AMG-Aula!
Rahmentext: Martin Flesch,
Fotos: Sinan Narin
